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Das bringt mich auf einen anderen Salon. Leider war der Besitzer – jemand, der mir in den Anfängen seines in der erweiterten Nachbarschaft neu eröffneten Geschäfts ein paar Mal auf eine mir vollkommen zusagende Weise die Haare geschnitten hatte: Ich kam wegen ihm – irgendwann darauf verfallen, drei Schau-Schönheiten einzustellen, Griechinnen.

Jede der drei jungen Frauen für sich schon eine Auffälligkeit, wirkten sie zusammen … nun, zumindest befremdlich. Auch leuchtete mir die Strategie dahinter nicht ein. Ich nahm an, dass andere Frauen sie als offene Herausforderung wenn nicht Zurechtweisung hätten ansehen müssen, und sicher noch weitere junge Männer wie ich von ihnen eher eingeschüchtert als angezogen waren.

Doch müssen sie, wenn sie nicht den Erfolg brachten, sich wenigstens bewährt haben. Und vielleicht ist es ja so, dass solche auf spektakuläre Außenwirkung getrimmten Frauen andere, in ihren Wünschen ähnliche oder sonst wie unbekannt verwandte Frauen anziehen, und also letztlich alle miteinander ein verschärftes Konkurrenzverhalten fördern, das häufigere und immer aufwändigere Friseurbesuche notwendig macht? Aber das ist jetzt nur so eine nachträgliche Idee.

Diese Frauen jedenfalls glichen einander derart, als versuchte jede einzelne andauernd die perfekte Synthese der beiden anderen zu sein: dünn, großäugig, mit wie leicht durchscheinender Haut über den Puppengesichtern, dazu tragödinnenhaft in schwarz-aufgebauschten Föhn-Mähnen und in eng anliegenden Lederklamotten teils wie aus dem Fetisch-Shop.

Sie hätten Schwestern sein können – oder drückten als Einzelne so etwas wie den angenommenen Wunsch nach etwas Innigerem an Verbindung aus, nach so etwas wie einer narzisstischen Schwesternschaft. Doch waren sie nicht mal verwandt: Irgendwann hing eine bebilderte Selbstauskunft in dem Laden (Es bedient sie … die Spezialität von Apostolía ist … gewonnene Contests wo und wann … ), und unter den Fotos der Frauen standen ganz verschiedene Namen. Waren es also nun die Zufälle ihrer Profession und die erst später entdeckte gemeinsame Nationalität, die sie dann auch im Äußerlichen eine so starke Angleichung hatte unternehmen lassen? War es Gruppendruck? Einfallslosigkeit? Ein geheimes Ideal? Oder verfolgte der Ladeneigner mit ihnen ein irgendwie obskur inspiriertes Programm?

Tatsächlich lernte ich dann auch nie richtig, sie zu unterscheiden. Nie konnte ich sagen bitte wie letztes Mal, weil ich nie sicher sein konnte, welche der drei mich bedient hatte. Doch übernahmen sie nun also, im geschäftlichen Erweiterungsdrang des Besitzers, der anderswo Friseurläden übernahm, sie mit seinem eigenen Talent aufbaute, und so nach und nach sein Unternehmen in eine ganze Kette verwandelte, in ihrer Dreieinigkeit schließlich den Salon: Während die eine schnitt oder wusch und die andere assistierte oder die Glasregale mit Tinkturen umräumte, saß die dritte an der Kasse, regulierte die Musikbeschallung und beantwortete das Telefon.

So weit schien alles normal. Zugleich, obwohl man sich doch nur rasch die Haare schneiden lassen wollte – mit andererseits aber der Unmöglichkeit von den andauernd auf eine Aufregung zielenden Aufmachungen dieser Frauen abzusehen -, schien da ständig etwas wie schon leicht außerhalb der Normalität. Und im Herumfuhrwerken in meinen Augenrandgebieten dann, wurden sie mir, zusätzlich einer zuvor so nie bemerkten Spitzheit der Scheren wie auch Fingernägeln von einer grellen, bedrohlichen Länge, zu einer immer größeren Beunruhigung. Liegt in der schauerlichen Berührung auch eine immer subtile Entrückung.

Müde scheinende Erinnyen, den Betrachterblick in eine opake, aber dann doch nur mascaraschwere Untiefe ziehend, war die subtile Entmannung vielleicht sogar eher durch einen Mangel an Lebendigkeit angelegt – waren sie selbst die womöglich demnächst Versteinerten?

Nur war auch das schon ohne Drama. Zwar weiß ich mich als Mann nicht ganz unfrei von einer launisch mich befallenden Schwäche für Frauen mit Haupthaaren mutmaßlich origineller als jeder ihrer Gedankengänge. Aber irgendwann braucht es noch etwas anderes, als ein Leben im Äußerlichen, darin es dauernd blinkt, glänzt, schimmert und scheint … und dann doch nur irgendwann zur Vorschrift gerinnt als Look. Natürlich will auch ich bei Schönheit nicht immer gleich auch sehen was darunter ist. Aber wenn jemand, der einem so nahe kommt, derart Maske ist, rührt das offenbar irgendwann irgendwie auch an einen selbst. Ich bleibe also dabei: Der Umgang mit den drei Grazien war auch ein bisschen gruselig.

Und er schien doch bis zur Widersprüchlichkeit auf mich abzufärben. Und die Frauen, so körperwarm wie unnahbar, blieben doch zu spüren bis zu dem sich unter ihren Atemzügen erregenden Flaum an meinen Ohren.

Tatsächlich aber habe ich außer den unumgänglichen Begrüßungs- und Bedienfloskeln nie ein weiteres Wort mit ihnen gewechselt, mit keiner je auch nur eine sozial konvertierbare Regung getauscht, nie mehr als ein schiefes Lächeln, nie einen Anschein von Gegenseitigkeit bekommen, nie etwas Persönlicheres aus ihren zuletzt antwortlosen Gesichtern. Und musste mich doch, wegen ihrer nicht einfach so hinzunehmenden Erscheinungen, die ganze Zeit zu mehr aufgefordert fühlen. (Und muss noch jetzt drauf herumreiten.)

So waren die drei mit ihren schimmernden nude lips, ihren vogelknochig nackten Schultern und den sich leicht schwitzend gegen das Leder ihrer Korsagen vorwölbenden Brüsten zwar von der viel hermachenden Art Frau, die man seinerzeit in einer bestimmten Edeldisko auf der Kö hätte antreffen können. Aber auch in solchem Angesagtsein, unter extrem selektierten Einlass, saßen sie dann dort nur brav, dünn, stumm vor Aussehen, und machten einen viel zu bemitleidenswerten Eindruck, als dass jemand außerhalb ihrer visuellen Gattung sie hätte attraktiv finden können. Die Praxidikai, Kopf-Göttinnen, haben im Ritus die Aufgabe, die Sühnungen zu vollziehen und die Unantastbarkeit des Eides zu garantieren, der den Menschen den heiligen Schrecken einflößen soll. Aber wer will schon seiner Begleitung auf einen zugeraunten Hinweis hin antworten: Ach, das sind nur meine Friseusen. Irgendwann ging ich auch da nicht mehr hin.

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Was mich auf Konsumismus als Weltverhältnis bringt: Wie mit den Verfeinerungen aus den Lebensstil-Kaufhäusern, mit einem unstillbaren Einkaufsverlangen über jede vernünftige Versorgung hinaus, wie mit den noch nie trivial gewesenen Haar- und Bekleidungskulten längst die Wesentlichkeiten zusammenhängen. Die Grundbedürfnisse und das bisschen Überbau an Sinn. Sich wärmen, sich lieben, sich sorgen – sich für eine Automarke und eine Fruchtjoghurtsorte entscheiden. Sich eine Verfassung geben (Thomas Mann). Eine Fasson. Kurz: Wie in einem uns auf kaum mehr etwas verpflichtenden Leben oft erst Konsum uns erschafft. Imageproduktion, Identitätsbildung, Self-Branding – Waren machen Leute. Jedenfalls mehr als die Restbestände unserer opportunistisch hochgehaltenen, im Grunde aber austauschbaren – und bei näherer Überlegung vielleicht mit guten Gründen besser flexibel zu haltenden – Überzeugungen.

Als ich zum ersten Mal von diesen Ideen hörte, erleichterten sie mich nicht nur, ich gestand mir meine Erleichterungen auch bald ein: Endlich Bejahung fürs eh Unabwendbare! Und lang schon ermüdet von einem mir überantworteten gesellschaftskritischen Bewusstsein, das seinerseits einer zu engen Weltsicht unterliegt und die Gesamtkomplexität der Dinge auch nur selektiv, das heißt notwendigerweise ebenfalls nur unzureichend beschreiben kann, hätte ich auch gern noch die Reste loswerden wollen – wo doch Kulturkritik eh immer schon ihr eigener, allzu enger und doch nicht zu knapp umkämpfter Markt ist.

Aber dann reichte auch das als Haltung insgesamt nicht. Mit einem eben erst noch so milde gestimmten wie nach und nach umso geschärfteren Bewusstsein dafür, merkte ich: Die allermeisten Angebote einer surrogaten Erlösung waren ja doch nicht für mich, im Gegenteil, sie sprachen mich nicht einmal an: gewahr werdend, wie sie sämtlich ihr Leben erst durch mich gewannen, fing ich jetzt erst recht ihre parasitären Appellationen an mich zu hassen an.

Denn tatsächlich fühlte ich weder durch mein Duschgel meine Männlichkeit gesteigert – der muskulöse Klippenspringer, der sich wasser- und sonnenperlend unter weiblichen Blicken das volle Haar zurückstreicht -, noch durch meine blöde Turnschuhmarke den Energieumsatz meiner Existenz. Ich hatte da nur ein paar schwächliche Vorlieben und mich also entschieden – und sollte damit jetzt noch nachträglich auf ein Orientierungsangebot hereingefallen sein? Zu einem erheblichen Teil womöglich selber ein Placeoboeffekt der Ware?

Über lange Jahre hatte ich (nicht deswegen, ich erfuhr erst viel später davon) die einzige Zigarettenmarke geraucht, die laut einem exklusiven Club von Markenstylisten in einem raren Ensemble von Produkten zu denen gehörte, an denen nichts weiter zu verbessern gewesen war – und dann hatte ich von einem Tag auf den anderen mit dem Rauchen aufgehört. Übrigens mit, zumindest für die ersten Monate, bei all dem Schmacht noch verblüffend mehr Satisfaction.

Trotz all der Aufladungen und Überhöhungen blieb mir also eine andere Art Mangel, und meine eigene versuchsweise Affirmation erschien mir in etwa so hurerisch, wie mich an Miriam ihre käufliche – ihre billige – Seite mehr anzog denn ihre unternehmerisch ambitionierte. Und dann wusste ich fast nicht, was mich mehr beleidigte: meine Wahl oder mein Festhalten an der mir ähnlichen (auch ähnlich untreuen) Freundin, meine Unfähigkeit, stattdessen die Frau, die wir beide mehr liebten zu gewinnen oder ihr (und einander) wenigstens in dem jeweilig Falschen nahe zu sein.

Kompliziert? Eigentlich nicht mal. Und trotzdem: Kommt man je aus solchen Lagen heraus?

Und: Kann es sein, dass Wahlmöglichkeiten – ein anderes Wort für Reichtum – die emotionale Beschränktheit befördert? (Aber will man deswegen zu den Einschränkungen zurück?)

Als fehlte mir stattdessen nun meine ersatzweise, immer ein bisschen reservierte Haltung, hatte ich dann irgendwann, wenn ich mit Miriam von einem unserer Einkaufsbummel zurückkam (der mir ihre etwas ausschließlich Zuwendung sichern helfen sollte) auch noch öfter das Gefühl einer gewissen Idiotie, sowie (der ich ihre Tüten trug) das einer Ermattung an meiner eigenen Widerstandslosigkeit. Möglicherweise verkaufen sie einem mit den neueren Idealen heute auch gleich den Gewissennotstand – und mit der Moralisierung des Banalen ein Gutteil der diskursiven Begleitumstände? Und unser Haar – die Sorge um sich: um die Praktiken des Selbst ins Werk zu setzen – ist das eigentliche Netz, in dem wir gefangen sind?

Was einem bei in den Produktwelten hemmungslos werdenden Frauen manchmal als Hingabe-Spiel gefällt – als deren verführerische Selbstverdinglichung, die der mutmaßlich männlichen Tendenz zur Verdinglichung ihrer erotischen Objekte nahe kommt -, entlarvt sich bei einem selber oft als typisierendes, einem von wer weiß woher angetragenes Verhalten. Jung ist vielleicht, wer noch ob der einen schleichend ereilenden Veränderungen über sich erschrecken kann? Die anderen passen sich unmerklich den vorhandenen und weiter normierenden Einteilungen in Konsumentenstile an und leben in definierten Regalhöhen.

Konsumismus als sozialer Leitfaden – und befriedet er so nicht auch noch eine kriegerische Spezies im Nebenbei? Mit dem entstehenden Handel, bemerkte mal jemand, sei man im Austausch über Wissen und Katechismen bald so geübt gewesen wie in Spekulationen um die Seele und die Ware – von daher hätten die Selbsterforschung und der moderne Kapitalismus die gleiche Wurzel. Und all das, Konformismus und Neurose (Pasolini), meine Einpassungen und meine noch einzugestehenden kannibalischen Züge, offenbarten sich, da ich damals in meinen die Weltverhältnisse zu klären habenden Jungerwachsenenjahren dafür war, und gewann ein wenig mehr Deutlichkeit mit Hilfe jener ominösen Griechinnen.

Der Eindruck schließlich war, solche Schau-Frauen (die mit ihren Verfügbarkeiten lockende Welt) depotenzierten einen eben darin, wie man in der Erpressung, entsprechend zu ihnen aufzuschließen, für sich selber auf eine Erhöhung hofft, die man aber die meiste Zeit, wenn man es doch nicht zu seinem hauptsächlichen Streben bereit zu machen ist, eben darin verfehlt. Nicht nur am Anfang, wenn es darum sie zu gewinnen ging, sondern auch später immer mal wieder, wenn ich mich längst mit ihnen hätte schmücken können, habe ich mich mit schönen Frauen oft wie ein doppelter Hochstapler gefühlt. Anscheinend muss man seine Formgebungen und Verfassungen vor allem vor sich selber erst einmal tragen können.

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Jahre später sprang mich einmal quer über die Straße von einem Plakat ein Gesicht an, ein Frisurenmodell – und es war eben das, das eine Zeit lang im Schaufenster dieses Griechinnen-Salons geprangt hatte.

Die Gegenwart als Abfolge von dauernden Retro-Wochen: Liegt es an einem selbst oder kehrt wirklich alles wieder? Die Siebziger … ja, und zum wievielten Male? Oder behaupten die Friseure neben den Aktualitätszwängen der Mode ihre privaten Strömungen, Vorlieben, Rückgriffe … und es kommt mit all den anderen Un/Gleichzeitigkeiten auch nicht mehr so drauf an? (Aber wo liegt nun die Erschöpfung, jetzt hier, dort oder dann?)

Dabei konnte ich mich kaum erinnern, das Plakat beim ersten Mal lang genug angeschaut zu haben. Außer … ja, einmal sonntags, als ich mich verlegenheitshalber da herumgetrieben und mir, als hätte ich da auf jemanden zu warten, vor der Auslage eine alibihafte Zigarette angesteckt hatte. Kann sein, so war der Vorwand, als hinterrücks bebilderter, einer auch vor mir selber geworden.

Das Foto also zeigt eine Audrey-hafte Schöne mit nackten Schultern, ein zartes Augenwesen, auf dessen Kopf jedoch eine enorme Lockenfrisur wimmelt – offenbar in einer seinerzeit neuen Legetechnik. Ich weiß, für das Bild stimmt das so nicht, aber bei all dem Heischen nach Naturmächtigkeit, nach per Statuszeichen auch weiblichen Vorrang im Rudel, ist das abgenutzte Wort hier kaum zu vermeiden: löwinnenhaft. So war das schon als Großfoto eindrucksvoll – und zugleich das falsche Zeichen.

Es ließ mich dann aber außerdem – und seit wie langer Zeit einmal wieder? – an das berühmte Konzertplakat denken, an den zu seinen Elektro-Transfusionen mit etlichen bunten Kabel-Extensions angestöpselten Kopf des Jimi Hendrix. (Sowie an eine im Silbergelatineabzug, in Edelschwarzweiß aufgehellte, unter der auratischen Haarlast so zerbrechlich wie dianenhaft wirkende Marsha Hunt: Flieg mit Afri!)

In einem unwillkürlichen, dabei weniger visuellen als empfindungsmäßigen Rückgriff darauf, in einem mit der Auslesung irgendwo in meinem Hirnstamm instantan aufgerufenen Gefühlsnachhall der mit ihrem Atem an meinem Nacken nie ganz abgeworfenen Bedrohung durch eine der schnipp-schnappenden Griechinnen, verflocht sich ihrer aller Geist oder Ungeist kurz mit meinem. Die Schere klappte auf, heraus dem Schaufenster, hindurch die gläserne Zwischenwand an ihren Rändern womöglich schärfer modelliert, schauriger – physiognomischer.

Tatsächlich war mir, als hätte mir das Foto dieser Löwengrube-Schlangenmähne-Sache damals noch etwas anderes repräsentieren sollen. Etwa, in einer Zeit des Jungerwachsenseins, mit einem zum Wuchern noch in der Lage befindlichen Äußerlichen das auch mir per Bildappellationen nahe gelegte Ideal einer entsprechend ausgreifenderen, spektakuläreren, sozial wirkmächtigeren Persönlichkeit. Für die mir aber der Wille zum Besonderssein fehlte, schon im Ansatz. Was jetzt umso phantomhafter noch einmal als Mangel präsent zu werden wollen schien: Der Tigersprung ins Vergangene mit Killer Curls … der Laut der Scheren als Geburtshelfer all dieser schrecklichen Ichs … unglaubliche Mähnen als Ausdruck eines Sturms jäh frei laufender Gedanken – oder der bald gezähmten, mittlerweile vielleicht längst zu selten einmal überschießenden Lebendigkeit. Also doch eine Art Verlust? Die Ausdünnung auf meinem Kopf als Anzeichen möglicherweise doch eines Mangels an irgendwie haarwurzelgenährtem, vegetativ-visionären Vermögen?

Ohne Haar ist man ohne Persönlichkeit (Slogan der Perückenindustrie).
Je länger das Haar, desto mehr Gedanken (alter Navajo-Glaube).
Lange Haare, kurzer Verstand (Herr Feldmann, mein Geographielehrer zu mir, als ich einmal etwas über die Terrassenbaukultur der Mayas nicht gewusst hatte, obwohl ich über Jahre in seinem Fach der Notenbeste gewesen war; sind Haarwitze sonst immer an mir abgeprallt, erinnere ich mich daran als die erste empörende Kränkung; im Abschlusszeugnis musste er mir trotzdem eine glatte Eins geben und hatte nun bei mir jeden Respekt verloren).

Ich weiß, all das ist albern. Und es war ja auch nur so ein Anflug. Und obwohl so flüchtig, nährte es auf einmal den Gedanken doch an etwas womöglich bislang Verdecktes an Ambition, etwas tiefer Reichendes an Kränkung, an eine Alternative meiner selbst, an ein Modell gewissermaßen – eine skizzierte, aber nie gewordene Person. Mit zusätzlich aber einem Scheelblick auf mich, als schaute etwas ehemals innig Erwünschtes, das einem zugleich unendlich fern liegt, einen seltsam berückend an. Und entpuppte sich in dem kurzen Moment Selbsterhellung als das wie schon ewig vertraute Bild aus einem von Zeit zu Zeit wiederkehrenden Albtraum.

Ich weiß noch die genaue Stelle in der Straße, an der ich das Plakat, das Plakat mich erspähte. Ich hatte dazu die Fahrbahn überqueren müssen, eines stillen Mittags, im Gang hinüber vor ein stummes, etwas in mir beredt zu machen versuchendes Gesicht. Und ich hatte es zuerst fast für eine Überlagerung auf den großen Scheiben gehalten. Für einen Effekt von der Person zur Selbstabstraktion, und meine darüber abirrende Reaktion ihrerseits für eine irgendwie eitel verrutschte Spiegelei. Doch stand das nun, und das ging mir im leicht betäubten Weiterschlendern auch auf, in der heterotopischen Perspektive von einer (oder zweien) dieser multiplen Griechinnen. Sie war/en es, welche auch immer: ihr sich niemals scharf stellender Blick auf mich. Und umso mehr wünschte sich etwas von mir analog gleichsam vervielfältigt, um sich vor ihnen aufzufächern – und dabei so oder so vor allem aber zurück unter die Macht ihrer Augen.

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Ich habe solche Flashback-Effekte dann noch öfter erlebt.

Einmal mit der Frau aus einer Werbung für Byzance (eine Parfummarke aus den 1990er Jahren). Auf dem Plakat hingestreckt eine feingliedrig-edle, arabisch inspirierte Schönheit mit unglaublich sublimen Zügen … und mit dazu einer dichten, blauschwarzen Haarmähne als Kontrast zu diesem wie von einer launischen Gnade verliehenen höheren Ordnungsgrad ihres Gesichts.

Und die Stimmung von Nachtblau in dem Bild, die von Golden Brown in der perfekt ausgeleuchteten nackten Haut, dieses sogtiefe Schwarz der Haare wiederum waren durchsetzt von etwas an Schimmer … ich weiß nicht, wie die das machen. Es kann das weder nur Spuk aus der Puderzuckerdose der Bildbearbeitung sein, noch die per sonstigem Produkterwerb angeblich herauszukitzelnden natürlichen Glanzpunkte, etwa auf den molekularen Konformationen von Keratin. Nie ginge es ohne ein Drittes, nämlich den schon immer dahingeleiteten, für den entsprechenden Grad an Überhöhung bereiten Betrachter. (Den Geist des Lesers als einem auf gleicher Höhe operierenden zwischen Analyse und Phantasmagorie.) Empfindet man sich allermeist auch nur als den Idioten solcher Insinuierung, funktioniert sie manchmal eben doch, vermutlich sogar zur Bestätigung eines in jedermann angelegten Mechanismus‘: nämlich dem eines Verlangens nach Bewunderung. Oder eben, diesem wiederkehrenden Rätsel der eigenen Entmächtigung.

Tatsächlich hatte dieses Frauenmischwesen – obwohl das Orientalische Suggestion ja nur aus dem Produktnamen und dem Gesicht der Frau war – etwas Sphinxhaftes. Und vielleicht war das sogar die eigentliche Bildidee gewesen: Die Gegenüberstellung mit dem Appell des Rätsels, das ins Undeutliche fragt. Und nach dem Reiz dieser Entmächtigung: Dass es eine ein für alle Male richtige Antwort auf die Rätsel vielleicht nicht gibt.

Und so wie man sich, spontan angezogen durch sein leicht Unheilvolles, dem lebendigen Abild (= der Sphinx) manchmal gern ergibt, lässt es einen auch gleich wieder davor fliehen. (Ist nicht jedes das unvollkommene Zeichen? Und wieso ist der Sphinx-Löwe manchmal geflügelt? [Und, weil ich gerade nachsehe: Sphinx kommt etymologisch möglicherweise von erwürgen, (durch Zauber) festbinden. Und Golden Brown ist natürlich von den Stranglers … ])

Jedenfalls hat mich auch dieses Plakat damals regelrecht weiche Knie kriegen lassen. Und auch hier weiß ich noch genau, wo ich es zum ersten Mal gesehen hatte, nämlich in der Auslage der Parfümerie Angerhausen. Über Wochen war das Anlass gewesen, abends auf dem Weg nach Hause dort vorbeizugehen – und was daran Wirkung war und was herbeigezwungene Manie (oder, zwischen Kasernen- und Kavalleriestraße Armierung sozusagen eines inneren Aufruhrs), war irgendwann nicht mehr zu entscheiden. Und eh muss man seine Inspirationen empfangen, wo sie einem geschenkt werden. (Ich weiß auch noch, dass ich Kolleginnen dauernd auf dieses Byzance angesprochen hatte, um die Meinungen darüber zu hören; aber schon die Beschreibungen der Duftnoten waren derart widersprechend, als redete jede von etwas ganz anderem.)

Und noch etwas: Es war das damals auch die Zeit, als ich mir, ohne einen Grund oder Plan dafür, die erste meiner kleinen Taschenkameras kaufte. Und kurz darauf hatte ich dann auch angefangen, ich weiß nicht, ob aus Mangel an Motiven oder durch was dahin gesteuert, meine Alltags- und Rätselorte zu fotographieren. Und dann auch diese Friseursalons.

Als ausdrücklicher Nicht-Fotograph, hatte es für mich schwach allerdings auch zu tun mit einer irgendwie erfrischten, für mich annehmbaren Idee der Serie, weil ich damals auf Ed Ruscha gestoßen war – ich, der auf Reisen niemals eine Kamera mitnahm, suchte einen Zugang zur Entdeckung meiner Nahumgebung.

Angefangen hatte ich mit den Teuer-Salons, weil deren Bemühen um Fassade und Fasson visuell erst einmal mehr hergab. Etwa auch nachts. Manchmal habe ich, ich weiß nicht, ob wegen dem sonst doch verwehrt bleibenden Einblick oder aus Lust an welcher Spielerei, einfach nur die in der Tönung von Ampellichtern wechselnden Gegenspiegelungen der leeren Räume mit dem Außen aufgenommen, Direktiven von Beleuchtungen und Fluchtpunkten, dazwischen ein paar augenlose Kunstköpfe unter Perücken sich verloren. Andere Kleinserien zeigen aber auch nur eine formstrenge Reihe von Designerwaschbecken oder irgendwelche Skurrilitäten des Dekors. Bei systematischerem Vorgehen hätte sich das sicher ausbauen lassen zu einer regelrechten Phänomenologie.

Aber dann bin ich, parallel meiner Bewegung auch fürs Haarschneiden hin zu den Nebenstraßenfriseuren, auch hier zu den eher altmodischen, oft leicht zu übersehenen, in ihrem Verschwinden immer zu spät bemerkten Läden in den Kleine-Leute-Gegenden übergegangen. Salon Maria. Haar by Helma. Ratzeputz. All die braven Wella-Reklamen, die tapfer annoncierten trend visions aus früheren Dekaden, die schon mangels Kundennachfrage an den behaupteten Ambitionen einfach vorbeigegangen waren.

Trotzdem hatte mich das also eine Zeit lang interessiert – ich habe Fotos etwa auch aus mir ansonsten unvertrauten Stadtteilen, die ich extra zur einschlägigen Erkundung aufgesucht haben muss (und mir blieb davon auch fast keine weitere Orientierung als die Erinnerung an diese Friseurgeschäfte).

Wenn ich mir meine kleine Sammlung heute ansehe, ist mir allerdings, als wären all die Fotos immer nur an Montagen gemacht worden. Oder sogar nur an einem einzigen, hindurch die wechselnden Jahreszeiten durchgehend über Mittag geschlossenen Tag. Als hätte, als eine umweghafte Art Angleichung dahin, ein Albtraumrückstand bei einer an sich marginalen Sache wegen den Anflügen uralter Versteinerungen zu einer eigenen Hartnäckigkeit geführt.

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Lange … lange fahre ich, in dem Gewirr die rechte Hand wie immer wieder der linken entwindend – beide Hände in eine schon unauslotbare Tiefe gesenkt: das Fingerschmeichelnde, die Fließweichheit! – immer wieder durch Henrikes Haar. Das sich vor meinen Augen wellt. In dessen Tiefe ich vorsichtig nach der Öffnung wie nach einem Abflussloch taste – nach dem fremden Scheitel. (Auf dessen weißlichen Grund manchmal, als Variation, eine Nummer … wie eine Lagernummer eintätowiert ist.) Und wie die Flut ihres Schopfes nach dem Gras auslangend ihm unablässig entgegen wächst, tut es umgekehrt das langsträhnige, unterseeische Gras über einem trüben, trüben Grund.

Im Alter von drei Jahren oder so, soll ich jedes Mal furchtbar geschrien haben, wenn es mir an die goldenen Locken ging und verstand: Haarschneiden ist eine Verletzung. Noch heute kann ich es nicht haben, wenn in der Nähe spitze Gegenstände in Richtung meiner Augen ragen.

Irgendwann einmal, zu vorgerückter Stunde auf einem feuchtfröhlichen Abend, erwähnte ich meiner Schwägerin gegenüber meine unrettbar gewidmete Verehrung für gewisse dunkle Schönheiten mit Zöpfen, edel-anspruchslosen Gesichtszügen und dem bourgeois-ambitionierten Namen Adelheid. Dabei habe ich in meinem ganzen Leben keine weitere Adelheid mehr kennen gelernt.

Und eben diese war es dann, an die sich auch meine Schwägerin, im gleichen Viertel unserer kleinen Stadt groß geworden, erinnerte: Sie kannte sie! Wohl über das Erschrecken in dem Moment habe ich die mir berichteten Einzelheiten heute vergessen. Aber sie war es, Adelheid, kein Zweifel. Und ich hätte nun Gelegenheit gehabt, mehr über sie erfahren, ihr nachzuspüren, ihr womöglich sogar zu begegnen – mich von ihr zu befreien. Aber eben das, hätte sie sich als harmlose, als eine weitere der dick gewordenen oder am Dasein erschöpften Frauen aus meinem früheren Leben herausgestellt, wollte ich anscheinend auch nicht.

Bis heute habe ich, sehe ich so ein gewisses Märchenköniginnenblond bei einer anderen Frau, Henrike vor Augen, die Bewegung, mit der sie, uralte Frauengeste, die ins Mythische greift, für ihre Badvorbereitungen die bei ihr tatsächlich goldene Fülle hochsteckt. Das kurzentschlossenere Moment aber, das einem Kostbarste eines Tages aufzugeben, ist dann anscheinend nicht nur Panik, Rebellion oder ein Autonomieversuch per Selbstberaubung, sondern immer noch etwas ganz anderes.

Oder eben doch Wahn? Und wenn es ihr dann nass aus den Mundwinkeln lief, wenn sie binnen Minuten wieder die Taschen an deren Nähten von ihrem Kittel zerrte und ihren Blick immer weiter weit aufriss, in Panik von etwas, das sie in dem Fieber der weißen Wände um sie herum streifen mochte. Und wie ich in dem kleinen geschlossenen Raum, der weder Tisch noch Stühle hatte, schon bald ihrem Blick ausweichen musste, ihr Auge von der Seite wie leicht vortretend von dem Glanz darauf. Medusa, das schönste Mädchen, als Haupthaar Nattern sich um ihre Schläfen wanden.

Ich weiß nicht, von wem die ein wenig sentenziöse, aber offenbar treffende Einsicht stammt, doch habe ich auch sie seitdem nun für immer in meinem Hinterkopf: Am schönen Ungeheuer lerne der Mensch, das Maß des Menschen zu vergessen.

(Ein Schatten davon fiel später sogar noch auf dieses arg simple Sauber-Babe, das sich in einem Augenblick der Verwirrung einmal im erstbesten Salon selbst den Paria-Schnitt ihres Öffentlichkeitsgefängnisses verpasste. Britney. Ich hatte nie auch nur eine Note von ihr gut gefunden, aber dieses Moment von Umnachtung und Minderjährigendrama in der zerstörungssüchtigen Berühmtheitshölle Amerika – Warhol hätte es sicher in eine seiner Stars, Death and Disaster-Serien aufgenommen – hatte sie mir fast sympathisch gemacht: Und sei es nur als Stellvertreterin für irgendein eigenes, seit Henrike auch in mir latentes Büßer- oder Kahlschlag-Begehren. [Oder für die Zwangsgeschorene damals aus Dakar, der ich es ebenso gut hätte zurufen können: you’re not that innocent.]

Zwar weiß ich, dass in der Geschändeten die Geheiligte zu finden [und das eine wegen dem anderen irgendwie anziehend], womöglich ein bisschen irre ist. Doch kommt es mir vor, als wäre bei diesen Dingen auch jede andere Deutung immer nur Verdrehung, so oder so. Und Teil des Schauerlichen sind ja auch die, die etwa bei den Unfällen auf der Autobahn immer zurückstarren müssen oder während ihrer eucharistischen Abendnachrichten damit nicht aufhören können. Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil? Ich weiß es nicht. Es ist ein essenziell Menschliches, das sich im Kern der Manipulierbarkeit entzieht – und zugleich bleibt immer noch, ihm zu entkommen.)

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Auf eine weitere von so etwas wie einer Urszene in diesen Zusammenhängen kam ich einmal in Bangkok. Das war, als ich eines Nachts die Richtung zur Sukhumvit Road nicht mehr wusste und lange irgendwo stand und wartete, wo ich keinen Grund hatte zu warten und noch ein bisschen betrunken in die taghell erleuchtete Leere eines Friseursalons starrte. Und ein großes Insekt beobachtete, eine Kakerlake wohl, die in der Brusttasche eines Kittels ihren Dunkelspalt gefunden, sich darin wieder nach oben gekämpft hatte und nun mit dem Kopf und zwei Antennen da heraus ragte. An der unteren Seite rechts war die Naht eingerissen, und es gab da einen schmierigen Fleck.

Ich erinnere mich an die leicht surreale Vermengung zweier Empfindungen. Nämlich einerseits an den Berührungswiderwillen und den Schauder über diese tentaklig-witternde, in meinem Zustand als irgendwie böse empfundene Intelligenz … wie außerdem an meine etwas blöde Rührung über das Wiedererkennen jenes Frisierkittelnylonblaus, einem pastellenen, Billardkreideblau genau dem, auf dem ich so oft meine Kindermähne hatte lassen müssen. Und noch meinen Verlust in seinem Anwachsen genötigt zu betrachten gewesen war, bevor der Ladenschwengel alles wegfegte.

Der war damals kaum viel älter gewesen als ich, Leibeigener seines Innungsmeisters von Vater, eines groben, immer etwas zu laut lachenden Kerls. Und der hieß Karl, Herr Karl, mussten alle zu ihm sagen – prompt weiß ich seinen Nachnamen nicht mehr. Und Karl Junior hatte also sich schadlos zu halten versucht, indem er verächtliche Blicke an ein jedes andere Kind von der Straße sandte, das auf dem Stuhl seines Vaters vorübergehend in eine noch ohnmächtigere Lage als er selber geriet.

Und dann fiel mir eben da, irgendwo am Rande des Sukhumvit-Nachtmarktes in einer Seitenstraße, an diesem von allem Früheren so weit weg versetzten Ort, eine weitere schmuddelige Herznote aus dem zwielichtigen Strauß an Gründen wieder ein, wieso Friseure, wieso das Friseurwesen für mich seit je in Verbindung mit einer bestimmten Beschämung stand. Zuerst also war da die Schmach gewesen, von meinen eigenen Eltern zu diesem monatlichen Akt gezwungen und eingeliefert zu sein: die Ohnmacht hinzunehmen eines Eingriffs in meine eh noch wacklige Souveränität. Und da untergemischt war nun auch noch die Zweifelhaftigkeit, für die Annehmbarkeit meines Bildes andere, nichtswürdigere, und sogar irgendwie anrüchige Leute zu brauchen.

Denn es steht das im Zusammenhang mit einer Geschichte, die damals wiederum jemand aus unserer Straße aufgebracht hatte.

Ein riesiges aber in Teile geschnittenes, über die gesamte Spiegelreihe für die Kunden angebrachtes und dadurch zur Abstraktheit makroskopiertes Foto in einem Pariser Friseursalon habe sich als das Bild einer weiblichen Geschlechtsbehaarung herausgestellt. Anfangs sollte das überhaupt niemandem aufgefallen sein. Aber dann war es, kaum glaubhaft verspätet, zu einem Thema für die davon gar nicht mehr lassen wollenden Klatschblätter geworden. Und genau das bessere, das gehobene Paris war also dort hingegangen, hatte den Meister und sich selbst und die Zweideutigkeit aus Aussehen gefeiert, und die dem allen unterlegte Frivolität dabei irgendwie verpasst. – So etwa jedenfalls war das als kolportierte Geschichte in meinem Kopf geblieben.

Ich weiß auch noch, dass uns von jemand Älterem diese Illustriertenbilder einmal gezeigt zu bekommen versprochen gewesen war, doch habe ich sie nie gesehen. Und so hatte uns das alle, sogar mich, den Kleinsten, der sich zum ersten Mal skandalisiert gefühlt hatte und zugleich zu zurückgeblieben gewesen war, die spekulative Harmlosigkeit solcher Geschichten einzusehen, ein paar Tage lang intensiv beschäftigt. Und genau diese naive und trotzdem verdrängte, mit aber – irgendwie – Scham für die anderen besetzte Sache kam mir in der Nacht da vor diesem Schaufenster in Bangkok wieder in den Kopf – und das während ich zugleich eine frischere Scham, nämlich aktuellere Erlebnisse aus einem Dancing abzuschütteln versuchte. Wieso nur laufen die Lebensmuster manchmal so verquer?

Längst war auch mir so eine die Dimension des Halbseidenen mit den Frauen einigermaßen vertraut, brauchte ich meine Versuchung dahin nur mehr vor mir selber versteckt zu halten.

Daran dachte ich jetzt. Und wie ich vor kaum einer halben Stunde beinahe überrascht gewesen war, als sich auch mir eines der Animiermädchen nicht uncharmant aufgedrängt hatte – und wie das trotzdem eine, wenn ja auch mit dem Eintritt dort absehbare, irgendwie zweifelhafte Sache geworden war. Während mir jetzt klar wurde, dass ich in der Tendenz vielleicht überhaupt immer eher auf die Zwiespältigkeiten damit aus war.

Dabei war auch das mit meinen Friseuren womöglich schon immer eine Legende gewesen? Eine Deckgeschichte, eine Pseudoerklärung dafür, dass schon früh der Wunsch so und so auszusehen, für mich mit Scham behaftet gewesen war? Eine bei sich zu behaltende, eher nur seinem Friseur zu erklärende Sache (und war das der eigentliche Grund eines Quasi-Intimverhältnisses?, für dieses: Erzähls doch deinem Friseur?). In der Welt des Aussehens ein Außenseiter, der sich in einer irgendwie falschen, und ihm dann auch noch anzusehenden Form des Selbstseins zum Blickfang stilisiert: Das war für mich, der sich lieber bedeckt hielt (der seinerseits dauernd und unfehlbar das Falsche sowohl an den Leuten wie ihrem ihm kläglich scheinenden Wunsch nach Dafürgehaltenwerdenwollen sah), eine Peinigung.

Und noch peinlicher war nur, dafür ein Vorbild zu haben oder eines zu brauchen. Ich erinnere mich, dass mir die zum durchblättern gezeigten, aus idiotischen Winkeln fotographierten Kopfmodelle in den Klarsichthüllen eines Friseurs einmal derart alienhaft vorkamen (wo waren die Tentakeln?), dass ich auch keinen Mut mehr aufzubringen brauchte ihm einigermaßen bestimmt zu sagen, dass ich so nicht aussehen wollte, auf keinen Fall. Er hätte mir genauso gut einen damals noch völlig unvorstellbaren Irokesen-, einen Robert Smith- oder Gucci-Punk-Schnitt zeigen können. Ich aber wollte gar keine Frisur, und dazu kam es schließlich auch: Ihm blieb nichts, als die seit dem letzten Mal gewucherte Mähne ein bisschen zu kürzen. (Und das einzige mir verbliebene Passbild aus der Zeit ist genauso wieder Grund nur für Peinigung.)

Damals war eben noch nicht einzusehen, wie unter uns nachäffenden Nachwuchs-Rock’n’Rollern eigentlich der Katalogschnitt der Dagegenschnitt gewesen wäre. So riskierte ich lieber einen weiteren Riesenstreit mit meiner Mutter, die sich irgendwelche ausgerechnet sich in der Frisur ausdrücken sollenden Reife-Fortschritte von mir erhoffte. Und kehrte, die sorgfältigen End-Kämmereien des Herrn Karl zerstörend, wieder mal heim um zu glauben, ich sähe trotzdem zum Schreien aus, ähnlich hysterisch wie später nach ihren Friseurbesuchen etliche meiner Freundinnen.

Aber boys don’t cry sang der Sänger meiner damaligen Lieblingsband, und bad hair days – war das nicht eh etwas für Frauen? Oder eben für Sonderlinge. In der Frühe fand ich die gelockten Zweige voll von Feuchtigkeit, der Morgentau hatte sich in ihre Zellen geflüchtet, sie ausgefüllt; dann aber entzog die aufsteigende Sonne den Pflanzen ihre Feuchtigkeit, der Wuchs streckte sich gerade. (So Karl-Ludwig Nessler, der Erfinder der Dauerwelle, über seine entscheidende Inspiration: Also doch Poesie?)

Im G-Spot nun also, in dieser Girlbar irgendwo zwischen Patpong und Soi Cowboy, hatte eines der Mädchen – und wie mütterlich doch auch sie! -, plötzlich mein Gesicht an sich gedrückt. Und ich, wie nur je ein Übertölpelter, hatte mich ertappt, wie ich mir, als sie mich wieder freigab mich ertappt fühlend inmitten der Horde anderer starr- und berührungslüsterner Männer, einmal über die Haare strich. Das Ertapptsein als Haarwirbel glättend. Mich für mein Herausgestelltsein entschuldigend. Mich tröstend, weil nicht entschieden, nicht äußerlich genug für das keinen Grund brauchende Vergnügen, einer Fremden öffentlich den schwitzigen Bauch zu lecken.

War es das, wofür das Bild mit dem Frisierkittel, Aufdeckung des Selbstbildes einer früheren Verlegenheit, als neuerliches Deckbild herhalten sollte bei der Gelegenheit einer neueren Beschämung? Der einer Schmerzlichkeit in der wiederholten Einsicht über eine im verfehlten Äußerlichen erst recht tiefe Lebensverfehltheit seit je? Bitter wie das Innere aus den Bauchnabeln der Mädchen von Patpong?

(Dafür dann das Schwarzpigmentierte enthaarter Poren in der Bikinizone, die schmalen, in ihrer Kürze ebenso leicht kratzigen Streifen auf dem Schambein! Ich hatte sehr wohl gehört, wie andere Männer um mich herum aufgestöhnt hatten in der Abgunst, das nicht auf dem eigenen Wangenflaum zu spüren. Während neuerdings in Illustrierten zu lesen ist, dass sie in Hollywood längst wieder Bedarf haben an Schamhaartoupets.)

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Eine Frisur jedenfalls war etwas, das mich in Wirklichkeit nach dem letzten mitgemachten Wechsel männlicher Haarmode, nämlich dem zur radikalen Punk-Kürze, so gut wie nicht mehr interessierte. Sämtliche folgenden Tollheiten, die Blondierungen, das Gelen wie das gesamte Strähnchenwesen, die Rückkehr toupierter Schwulitäten ebenso wie die neuerlichen Ausrasierungen und zackigen Messerschnitte – all das konnte ich, bei anhaltender Szenegängerei, als Ausdruck einer Selbstverortung, die irgendwie auch die ungefähre Geisteshaltung anzeigte, irgendwann nicht mehr ernst nehmen. Mein Vorreitertum war damals schon das von jetzt, nämlich im Eindruck dass, je angestrengter an der symbolischen Aufladung noch der läppischsten Lebensaspekte gearbeitet wird, man sie umso leichtherziger ignorieren kann.

Und heute darbt das ganze Gewerbe, erst wegen der lange gezahlten Hunger-, jetzt ob der Mindestlöhne? Richtig so! Ich hege ein heimliches Gefühl der Genugtuung darüber, weil mir in der Inflation und Wertminderung einer das Oberflächliche kultivierenden Leistung ein Geraderücken der Verhältnisse zu liegen scheint. So nivellierte sich, was ehedem wichtig erschien, so relativierte sich, was an jeder Figaro-Ecke auch noch hochstaplerisch ausgelobt wird als Kunst. Das ist nun meinerseits schäbig und ganz unangebrachte Häme, ich weiß. Doch gebe ich damit endlich auch einmal der eitlen Welt die meiner lockenhaarigen Engelsgleichheit beschiedene Verachtung zurück.

Was noch? Brisk, aus der roten Tube, wie bei erfolgreichen Männern. Einmal für ein paar Tage der Geruch von deutschem Birkenhaarwasser in einem beichtstuhlgroßen Badespind auf der schmierigen Rückseite der Bronx. Callas, die kahle Sängerin. Krauser Wildwuchs Tarngras überkopf im Skalp eines Büschels auf einem alten Bundeswehrhelm, bevor er als Topf benutzt wurde: Aus dem Exkrement wachsen die Blumen!

Dann: Blond, meine Pechsträhne. Aufmerksamkeits-eifersüchtige, spähende Trockenhaubengespenster mit Gala oder Glamour im Schoß, im Vorbeigehen eilig bedient von schräg-preziösen Typen namens Charles. Vor Spannung prickelnde Kopfhäute, während man mit Haarklammern an Vorhängeschlössern probiert (und weitere zwischen den Lippen festklemmt). Gesägte Aluminiumkämme mit verbogenen Zinken, die vor X Jahren einmal im Freibad in nahezu jeder Badehose gesteckt getragen wurden. Und Luzias Gesicht, das nach ihrer Chemo, die sie sämtliche Haare kostete, deutlicher hervortrat, nackter, schöner als je zuvor. –

Ist nun die Welt der Kopfverschönerungen eine etwas bizarre, oder ist man wie immer lediglich Opfer einer ihre Auswüchse je als Beiläufigkeit hinzunehmen lehrenden Kultur? Und wie sonst bekäme man Zugriff auf die Einzelheiten eines äußeren Ichs, dessen Selbstwahrnehmung oft besser gnädig verschwommen bleibt? Ich weiß, psychoanalytisch bedeutet attraktives, volles Haar erotische Anziehungskraft. Doch fühlte ich mich da letztlich als (immerhin nicht zu früh) Ausgedünnter vom Leben nicht schlecht behandelt. Und so behaupte ich heute weiterhin, ich hätte es aufgegeben, mir Gedanken über mein Erscheinungsbild zu machen, da es doch immer Leute gibt, die besser aussehen als ich – und dafür ungleich mehr andere, die so viel schlechter aussehen. Wo Anatomie noch Schicksal ist, ist Natur am Werk – oder eben ihr Verfall, und das ist auch im Zeitalter kosmetischer Rundumerneuerungen immer noch etwas, das vieles entschuldigt.

Zurück zu den drei Griechinnen.

Gegen deren Professionalität vielleicht nicht viel einzuwenden gewesen wäre. Doch zog sich die Prozedur bei ihnen durch jene Grundspannung sowie ihre Maulfaulheit immer auch noch viel zu sehr in die Länge. Sodass ich mich, anfangs herausgefordert und nervös, bald durch das Schweigen vor ihnen herausgestellt, nach und nach auch in den Spekulationen über letzte nonverbale Signale absorbiert, bald nurmehr als Dulder fühlte, und gegen Ende nur noch erschöpft. Ich stelle mir vor, auch die anderen Männer waren unter ihren Händen nie wirklich entspannt.

Die ganze Aufwertung der Schnippelei durch soviel hybride Weiblichkeit – hätten da nicht sie während eines doch mindest-intimen Vorgangs versuchen müssen, mich ein wenig zu bezirzen? Wie der Friseur an der Ecke im Laufe der Jahrzehnte zum hair center mutierte – und die Namen für die Orte einer vergleichsweise simplen Tätigkeit immer bemüht-erfindungsreicher, immer kalauerhafter werden (die Haarzienda, der Hairport und der Haarlekin … ) -, unterlag ich in der Gegenübertragung einem womöglich ähnlichen Effekt in der Erwartung, mir ein gering geschätztes Gewerbe moderater Preise doch noch maulhurerisch ein bisschen aufwerten zu lassen. Die Fallen der Dienstleistung. Schön blöd.

Von den nächsten Retrowellen, Trends und Gegentrends, von metrosexuellen Haarfeinfühligkeiten bis zu all dem brauenzupfenden, sich saisonweise beschleunigenden Hipster-Quatsch wollte ich da schon nichts mehr wissen. Und auch nichts von Ganzkörperdepilierungen: Sie hätten mir noch meine letzten Illusionen mit den hetärischen Bedienerinnen verleidet, sie sogar noch in ganz unmissverständliche Folter verwandelt. Von den Peinlichkeiten damit zu schweigen. Ich finde, Haare, wie auch dieser talgunregulierte, großporige Wuchs in der Bikinizone – wie überhaupt auch die Unappetitlichkeiten -, gehören beim Körperlichen dazu: Sie stellen bei allen sonstigen Phantasmen der Liebe und ihrer (doch sonst so gesucht wollüstigen) Überschreitungen ja solche hin zu den ersten Gründen: zu den Beweggründen wie zu deren Realitätsgehalten. Und was die Phobien angeht oder die hydrozoischen Tiefenunwesen, all die Schreckstarren, die Kastrationen und Skalpierungen … sie selber deuten es an: Man muss, zumal mit einer kurz geschorenen Partisanin als Geliebte, auch kämpfen wollen. Man muss, zumal mit dem lang gehegten Wunsch nach einem inzestuösen Seelenzwilling, die Liebe immer erst mal überleben!

(Wenn ich meine unernst betriebenen Recherchen bislang richtig verstehe, scheint es bei den Frauen – oder bei den weiblichen Gorgoneia, Figuren eines leibhaftigen Übergangs von der Tier- zur Menschenwelt – immer eher um einen irgendwie un/heiligen, panischen, die Sinne verwirrenden … einen desorganisierenden Schrecken gegangen zu sein. Während es bei den Männern – etwa bei den indianischen Bisonmännern oder auch bei den Löwenmenschen von der Schwäbischen Alb, die sich die Felle der erlegten Tiere samt deren Kopfauswüchsen [Zähne, Haarmähnen] umgelegt haben – entweder um Mimetik in Schamanismus und Jagdzauber ging [also um Wissensvermehrung], oder um die Behauptung von Führungsansprüchen, was wiederum heißt: um eine Sozialordnung – um Zivilität.)

So wie Frauen oft Frisur oder Haarfarbe wechseln, wenn es gilt, etwas in ihrem Leben zu verändern – mittels Glanzkolorationen gewinnen sie ja auch faktisch etwas an Widerschein in einem sich zumindest gefühlt anders empfinden sollenden Leben -, so habe ich gegen Ende dieser Lebensperiode Frauen manchmal wie Friseursalons aufgegeben. (Und die Kurzlebigkeit im Friseurwesen scheint konstant groß.)

Das passierte, als ich, mittlerweile ohne den belebenden Schwung ehrgeiziger Selbsttäuschungen, wegen einer neuen Arbeit öfter für Wochen in Zweigbüros überall in Deutschland musste. Und so kam ich darauf, für mir eh zunehmend vernachlässigbar erscheinende Dinge wie Haarschneiden, einfach die Wartezeiten an Flughäfen zu nutzen. Stuttgart war mir genug unverdächtig, damit zu beginnen. Vor final cuts schien man dort sicher.

Aber da wusste ich ja auch schon, wie überholt von allen Moden ich war – und wie bald auch damit abgefunden. Doch damit auch vor neuen Zumutungen gefeit, vor weiteren gesellschaftlichen Einsprüchen in auch noch meine Intimzonen.

So kam ich davon. Und ein weiteres Mal zu der Einsicht, dass an mir wenig ist, das äußerlich werden oder sich auch nur als Bedürfnis dahin ausdrücken will, nichts, das außerordentlich ist oder darin erkannt oder auch nur gesehen zu werden hofft. Zumindest darin wäre ich mir der geworden, der ich bin. So kehrte ich gelöster zur Unscheinbarkeit zurück, nach meinen unternommenen Versuchen ins Gegenteil – nach Verkehr mit den Trend-Friseuren -, zu den Nebenstraßensalons. Und zu meiner Scheu, irgendwo als Stammkunde behandelt zu werden.

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