Bis heute könnte ich keinen einzigen von ihnen mit Namen nennen, aber angeblich gibt es in Düsseldorf an die sechs oder sieben Starfriseure – also gefühlt weit mehr als überhaupt Stars!

Ich weiß, wer so argumentiert, hat natürlich vom Startum oder vom zweiten Körper des Königs nichts verstanden. Wie auch nichts von den Menschen und ihren Gesellschaftsbedürfnissen: den akut Auserwählten zu huldigen, dass dabei ein wenig Glanz falle auch auf sie. Doch braucht es bei all den Charity-Ladies und den Vorabendseriennebendarstellerinnen, braucht es bei all Werbern im Dutzend, den Maler-Fürsten und den Zweit-Liga-Kickern, die hier saisonal die Gesellschaftsseiten bevölkern, braucht es bei so viel Abfall vom Sternenglanz eben auch immer mal wieder katholische Einkehr und Läuterung – oder wenigstens zwischendurch auch mal wieder eine (protestantische) Leistungsbilanz.

In der Geschäftswelt, wenn auch das gleich wieder schönrednerisch, heißt das Gesundschrumpfen oder Konzentration aufs Kerngeschäft. Geltungsansprüche waren überzogen, zu hoch fliegende Erwartungen haben sich nicht erfüllt – da soll das schnöde Realitätsprinzip es mal wieder raushauen. Wenn wir alle erst Hervorstechende sind, sind die Bescheidenen die Fürsten – und vielleicht tragen sie ja überhaupt die Welt.

Jedenfalls, als ich in einer Zeit der Selbstbesinnung keine Lust mehr hatte, mir eine vergleichsweise beiläufig zu erledigende Sache wie Haarschneiden als aufgebauschte Dienstleistung verkaufen zu lassen, fing ich wieder an, die Nebenstraßengeschäfte zu besuchen.

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mrt-umschlag

Für 5 Euro direkt beim Verlag

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Und er bemerkt nie, dass Sie beim Friseur waren?
Tragen Sie denn auch das Blond, das er sich wünscht?

Mit noch genug Zeit für einen Umweg und eine kurze Streunerei durch ein Stück Park in einem Stadtviertel, in dessen Nähe ich früher mal gearbeitet hatte, kam ich an einer Ecke heraus, die mich an etwas erinnerte.

Richtig, da war der Salon Dietlind, ein Friseurgeschäft, in dem ich mich mal für länger als eine Saison gut bedient gefühlt hatte. Und das weniger wegen dem seinerzeit bei mir eigentlich schon nicht mehr zu rechtfertigenden Aufwand, als wegen der Atmosphäre da und den zwei Frauen, die den Salon führten.

Und wirklich war das, in einem dieser über seiner Alteingesessenheit längst angestaubt wirkenden Geschäfte in einer auch noch eher randläufigen Gegend, ein wenig auch gewesen wie in dem dann wunderbaren – wie bei mir üblich erst mit Verspätung gesehenen – Film von Patrice Leconte, Der Mann der Friseuse. Mit altmodischen Zuvorkommenheiten, mit den Umschmeichlungen von Wohlgerüchen und wissenden Händen, mit dem Aufgehobensein in einem Gunstraum wie ganz aus den Wärmeschatten weiblicher Körper. Ein Schaumfestiger fürs Leben! Und die leicht melancholische Atmosphäre gab es auch, nämlich in der Späte des Nachmittags, wenn ich für diese monatliche Besorgung die Mittagspause nach hinten verlegt und die gewisse matte Abgeschiedenheit vor dem sich langsam verlierenden Verkehr draußen einen leicht anders getönten Abend vorweggenommen hatte.

Dazu war es dort drinnen immer ein bisschen eng. Eine um Schaueffekte kaum zu erweiternde Stube war dieser Salon, ein größeres Wohnzimmer, das in einem Mietshaus anscheinend mit dem Herausschlagen eines Stücks der Vorderwand zum Gewerberaum umgemauert und verglast worden war. Nur wenige Male war ich wegen einer Verzögerung zum Warten gezwungen gewesen und hatte dann, fast im Dunkeln sitzend, verstanden, wieso die Termine dort möglichst eingehalten wurden, und warum jedes zweite Mal von den beiden Frauen nur eine anwesend war: Es walteten da immer noch andere haushälterisch einzusetzende Kräfte.

Renée trägt heute die Nuance Couleur Experte 9.1 Vanille Praliné
– ganz ohne Ansatz
– ganz ohne Ammoniak
– ganz einfach.

Ich sehe sonst nicht viel Grund, sich mit Klagen über immer rascher wechselnde – und oft ja wirklich nur blöde – Neuerungen im Leben aufzuhalten, aber diese Art von intimen Salons konnte sich wohl schon immer eher nur mit Disziplin und in engen geschäftlichen Grenzen halten, und waren deswegen gewissermaßen im Verschwinden seit je.

Bedient wurde ich entweder von der einen, einer größeren, gerade in zartem Ergrauen begriffenen Frau, in deren freundlichen, leicht ironischen Blick auf mich – der kennerhaft nicht nur meinen Haaren zu gelten schien, sondern der Rückversicherung eines durch ein gewisses Quantum an Erfahrungen klug gewordenen Wissens über Männer überhaupt – ich mich manchmal durchschaut gefühlt hatte. Was mir aber nicht unangenehm gewesen war.

Oder von der Chefin, einer untersetzten Frau, die extrovertierter und insgesamt lebhafter war und fürs Gelingen einer sauberen Schnittkante auch schon mal meinen Kopf umstandslos an ihren voluminösen Busen nahm, damit eine handwerklich-keusche Mütterlichkeit ausdrückend, die im verhandelnden Gegenüber dann wieder verschwand. Anfangs versuchte sie noch, mir Pflegeserien mit speziellen Proteinen und Energie spendenden Elementen zu verkaufen. Tiefenregulierung sei das Geheimnis, Aktivstoffe und Mikro-Hydratoren für erhöhte Zellaktivität! Ah, tosende Zirkulationen unseres Bluts! Aber da drang sie bei mir nicht durch, ich wusste, es war schon zu spät. Nachdem ich, insgesamt ungeschickt und damit eher unwillig gegenüber den meisten Moden, zumindest die Haarlängen die Dekaden hindurch alle brav mitgemacht hatte, war ich, was das Darüberhinaus anbelangte, zum Konservativen geworden und (fast) resistent gegen solches Abrakadabra.

Schön blöd, wer nicht blond ist!
Und wer sagt denn, so ein Poly-Blond gibt’s nur im Sommer?
70 % aller Männer sagen, ihre Traumfrau sei blond!
Wie viel Blond steckt in dir?

Immerhin kam ich durch ihre Empfehlung an eine alkoholhaltige Tinktur, die nach dem Einmassieren in die Kopfhaut sich dort noch lange als ein angenehmes Brennen hält (und damit angeblich auch die Haarwurzeln anregt). Und die mich eigentlich noch jedes Mal an diese Madame erinnern müsste, wenn ich sie, diese Tinktur – heute auch nur noch selten benutzt -, unter den anderen Reliquien der Sorge um mich in einem mal wieder von all den angesammelten Proben auszuräumenden Regal meines Badezimmers entdecke. Tatsächlich aber bin ich als Adept der Kosmetikindustrie unüberzeugt geblieben: Mir fehlt, wie ich es einmal in einer Annonce der Innungsprosa ausgedrückt gefunden hatte (oder ist es Poesie?), die Fülle schon im Ansatzvolumen. Was ich relativ früh, und darüber nicht mal lange zerknirscht, also begriffen habe, ist: Meine ehemalige Haarpracht, sie kehrt nicht zurück.

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Später an diesem Nachmittag, zu Hause, lässt mich etwas daran nicht los. Und richtig, ich habe noch die Fotos, die Natascha damals von unserem letzten Kollegentreffen gemacht und uns dann allen per Mail-Anhang geschickt hatte: Ich war an eben dem Tag zum Haarschneiden gewesen und es hatte da auch zwischen den zwei Frauen im Salon Dietlind etwas nicht mehr gestimmt.

Der Grund zu unserer Versammlung war die Nachricht gewesen, dass unsere Abteilung aufgelöst beziehungsweise ins Süddeutsche verlegt würde. Zwar hatte ich mich zu den Übernahmekandidaten zählen können, aber das mit der Aussicht, wieder ins Controlling zu wechseln. Gwenn, eine der Frauen mit Kindern, hatte geweint, weil sie unter Opfern erst vor einem knappen Jahr den Ort und ihre Lebensumstände komplett gewechselt hatte. Die Mayerhofer hatte die ganze Zeit die Augen aufgerissen gehalten und immer wieder jeden einzeln und wortlos angestarrt, als erwartete sie von einem noch Hinweise auf eine andere Deutung der Nachricht, an der nichts missverständlich war. Die Stimmung war überhaupt ein bisschen fassungslos gewesen – aber auch aufgekratzt.

Am Tisch sitze ich neben Ingrid, die eine neonblaue Perücke trägt – ich hatte immer gefunden, dass sie ihr, einer ausgebildeten Opernsängerin (sie sang auch ab und an kleine Rollen in den Opernbühnen Barmen), richtig gut stand. Und auf der anderen Seite sitzt Vasconsuela, die mit dem gewollten Eindruck von Unfrisiertheit aussieht wie eine dieser Witwen auf Madagaskar, die nach dem Tod ihrer Männer ein Jahr lang ihr Haar nicht bändigen dürfen, um auf diese Weise voreilige neue Bewerber zu vergraulen.

Aber der Gesichter des Schreckens sind viele.

Eines Morgens die Frau im geblümten Satinüberwurf, die in dem Löwenzahnfeld vor ihrem Haus den Hund ausführt und mit ihrer Ungekämmtheit dem zur Arbeit Eilenden eine irgendwie bacchantische Intimbereitschaft suggeriert, dass er sich noch Tage später davon behext fühlt.

Ein andermal die junge schwarze Hure in Casablanca mit geschorenem Kopf, eine Senegalesin, die plötzlich, zum Hinauswurf von zwei finsteren Kaftanmännern in die Mitte genommen, gegen alle Männer zu zetern beginnt und damit die eben noch provozierte Verführungsbereitschaft auch in mir verdammt – bis heute doppelt fremd berührt mich ihre schön gefundene und erst verspätet kapierte Schändung.

Oder die Zöpfe von Adelheid, einer nie vergessenen, privatmythologisch ungemein wirksam gebliebenen Figur, die mich seit der Grundschule mit ihrem Bild in weißen Kniestrümpfen und einer gebügelten Spielschürze mit Kirschen drauf verfolgt – als wäre ich bis heute mit ihr verflochten. Uns Jungen gegen unsere eigene, ungeordnete Natur immer wieder als Ideal von Fleiß und Sauberkeit vorgehalten, blieben wir solchen Anstandsmädel gegenüber ewig im Nachteil, lernten so zu verachten wie auch zwiespältiger zu begehren: zu verunsichern. Schon den Chinesen galten Zöpfe, Ausdruck von Unterwürfigkeit, auch als einer von Zivilität. (Und bereits die Venus von Brassempouy, eine Figur aus Mammutstoßzahn und die bislang älteste – von etwa 25.000 Jahre vor Christus – bekannte Darstellung eines menschlichen Gesichts, hat eine als Flechtung interpretierte Frisur. Wenn es nicht doch eher ein Haarnetz ist.)

So ist das schließlich, diese zufällige Reminiszenz der Fotos mit den drei haarauffälligen Kollegen – oder also den zwei Extravaganzen und einem Schwiegersohntypen frisch vom Friseur -, eine ironische Subnote zu diesem Tag geworden, der mir diese Zeit damals pointiert zusammenfasst, die in dem eh ungeliebten Job, wie die in dieser Gegend und damit auch im Salon Dietlind.

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Sonst zu glauben gewohnt, dass ich nicht so leicht zu typisieren bin – was in meinem Fall weniger Eitelkeit ist als das, was mir oft genug signalisiert wird (und was ich als Erklärung auch für meine Schwierigkeit mit den von mir favorisierten Frauentypen annehmen muss) -, war das bei meinem zeitweisen Stammfriseur dann trotzdem eine gern erlebte Wechselerfahrung: Nicht ganz gleichgültig gelassen von einer angeschaut zu sein, die mir dahinter kam, und von einer anderen gleichsam auf meine noch zu verbessernden Wirkweisen hin taxiert zu werden – derart in beiden Perspektiven ausgehalten zu sein in einem gewissen Versprechen.

So konnte ich mich im Salon Dietlind gleichermaßen anerkannt wie abstrahiert fühlen, auf meine Aussichten hin verlängert wie schon ungefähr angenommen für das, was ich war. Und das alles in einem Raum weiblichen Wohlwollens und durchaus zarter Befürsorgung. Heimlich gefiel ich mir wohl weit vor der Abschlussbespieglung, schon in der Anfahrt dorthin als Günstling. Alle sahen wir einander – und verziehen. Tatsächlich stellte ich noch jetzt für mich selbst überraschend fest: Ich ging ganz gern dahin.

Wobei ich im Nachhinein sagen würde, dass mir von den beiden Frauen das späte Mädchen fast ein bisschen lieber war, weil sie es mir erlaubte, unsere Sache mehr in der Schwebe zu belassen, während ich mich von der tüchtigen Madame du Salon manchmal um einen Tick schon zu sehr erobert, zu sehr versachlicht fühlte. Doch wurde mir derart dann auch wieder klar, dass ich mich, der ja nur kam, um sich die Haare in einem Genüge tuenden Regelmaß stutzen zu lassen, nach und nach in einen Kunden mit Wünschen verwandelt hatte. Eine Art Doppelbindung komplexer Dienstleistung schien hier verfangen zu haben. Und sie wirkte auch in die andere Richtung: Ich, der ich von mir selber zu denken gewohnt bin, dass ich eher leicht zufrieden zu stellen sei, wurde also ein bisschen wählerisch!

Eine Zeit lang, und das uneingestanden, genoss ich sie also wohl, diese denkbar verhaltene Zweideutigkeit, dieses Durchschautsein sowohl als Bedürftiger wie als Kunde – das aber wie bei guten Freundinnen. Mit ihm zugefallener, wenn auch minderer Macht, unter besorgenden, in ihrer Verdopplung nun ihrerseits promisk erscheinenden Müttern, handelte es sich zwar um eine erkaufte Zuwendung, doch war sie in einem sonst oft nicht viel versprechenden Alltag auch weltversöhnend.

Tatsächlich meinte ich bald, dass es, bezeigt ja auch durch mein Wiederkommen, eine gewisse Sympathie unter- und damit einhergehend auch gelösteren Umgang miteinander gab. In anderen Belangen auch mal anmaßend und heikel, war ich hier rasch zu bedienen, zeigte ich mich pflegeleicht, wissenden Blicks mit der einen, die andere öfter mit schnellen Scherzen zum Lachen bringend, die mir leicht von den Lippen kamen. Ja, da blitzte es mich auch schon mal aus vergnügten Augen an. Oder meine zunehmend frei laufende Seinsüberhobenheit wollte mir das eben so erscheinen lassen.

Doch kam das zum Teil auch daher, dass ich fast immer der einzige Kunde im Laden war, und die gedimmte, relative Stille gegen die Lautheit hinter dem Schaufenster mir eine eigene Art von Vertrautheit einflüsterte. Auch wenn eine weitergehende Versuchung natürlich nie aufkam. Obwohl alle Körper einander ergänzbar und durch physische Nähe und vagabundierende Spürsinne da auch immer in der ihnen eigenen Art von Nahelegungen sind. Oder einem da allzu anfälligen Männerhirn das eben so vorkommt.

Außerdem weiß ich, wie das immer schon Verheimlichte mich umgekehrt manchmal verführbar macht hin zu jeglichem Reden, zumal in der erlaubend einen umso selbstvergessener machenden Umgebung. Und plötzlich bedürfen einmal unüberlegt gemachte Äußerungen der näheren Erläuterung, etwas wird in Gang gesetzt, wird unaufhaltsam, und es ist fast, als wollte es sich mit einer noch geheimeren Lust am Fatalen geradezu mutwillig um Kopf und Kragen reden.

Und da kommt mir auch schon die Anfangssequenz eines anderen Films vor Augen, darin in einem mafiosen Barbiergeschäft der den Frisierumhang anlegende Ladenjunge dem Kunden – ohne Vorwarnung auch für den Zuschauer – ein großes Rasiermesser derart über die Kehle zieht, dass das Entsetzen über den herausschießenden Blutstrahl einem das Grundvertrauen in einen Friseurladen für alle Zeit erschüttern kann.

Entspanntheit unter Menschen ist für mich nicht per se selbstverständlich, und sie ist, zumal unter solchen mit Messern, vielleicht sogar so etwas wie eine Anstrengung, eine Eigenleistung? Und doch, wie hätte ich, ausgerechnet unter Ersatzmüttern, unter der Illusionskünstlerschaft ihrer hypoallergenen Scherfolien und Schwenkköpfe, mein Zutrauen aufgeben sollen, mich um das Bessere, nämlich meine falschen Einbildungen bringen, um Glaube, Hoffnung, Zuversicht? Kann sein, es wussten diese Frauen dann bald mehr über mich als mir vielleicht lieb gewesen wäre. Erzähls doch deinem Friseur! Montag Ruhetag. Aber das stimmte dann ja bald auch nicht mehr. Die immer anspruchsvollere Kundschaft! Der Konkurrenzdruck! Die 24-Stunden-Gesellschaft!

Miriam, die abgelegte Freundin einer Freundin, die mich meinerseits abgelegt hatte, hatte mir einmal im Hinterraum ihres winzigen Ladens, in einem Moment von Herausforderung und Selbstpreisgabe gestanden, dass sie irgendwelches Billig-Shampoo in die Flaschen mit den Markennamen umfüllte, um damit ein paar Euro nebenbei zu machen.

In ihrer Kleine-Leute-Gegend, in einem Winkel des überdachten Parkraums neben einem gleichfalls lieblos geführten Supermarkt, lebte sie mehr schlecht als recht von einem großen Bekanntenkreis (und ein paar Bekanntschaften). Und ansonsten von Stammkundinnen, meist älteren Frauen aus der Nachbarschaft, die niemandem mehr zum Reden hatten, aber deswegen ihre Bedürfnisse nicht einfach aufgaben. Miriam verachtete längst ihr Metier – mich aber, dort meinen dünnen Bürolüften entronnen, machte etwas daran plötzlich neugierig.

Wahrscheinlich hatte vor allem ihre Bloßstellung auf mich Eindruck gemacht, so eine gewisse Dringlichkeit in der Stimme der sonst so Sanftgesichtigen. (An die mich heute manchmal das Gesicht einer bestimmten Fernsehkommissarin erinnert, deren Schauspiel ich nicht ernst nehmen kann.)

Jedenfalls wurde ich so, während der oft unausgefüllten Zeit zwischen meinen Bewerbungen, in einer schäbigen Komplizenschaft für ein paar Wochen ganz gern eintauchend in diese schlüpfrige Welt der Kurpfuscherei und Witwenkolonisierung, je nachdem, zum wartenden Kunden hinter einer Zeitung, zum petit Seigneur, der auch mal in den Mantel half, zum Hausfreund in spe, der die Kaffee- und Komplimentemaschine bediente. Doch betrieb ich es nicht ernsthaft genug, und es ergab sich auch nichts daraus – denn so weit gehen, wie Miriam mir nahe legte, wollte ich nicht.

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Was den Salon Dietlind anging, geschah die Veränderung indem ich erst einmal und dann immer öfter nicht mehr umhin konnte, die Spannungen unter den beiden Frauen dort zu bemerken. Das ging so weit, dass ich mich eines Tages während eines verstörenden, so rasch seine Erregung nicht zu dämpfen wissenden Wortwechsels zwischen ihnen, mit einer Illustrierten in dem vom Tageslicht weniger erreichten Hintergrund der Stube zurückzuziehen versuchte – aber natürlich trotzdem alles mitbekam. So dass es mich, obwohl an sich banal, trotzdem als Kunde verunsicherte, nämlich ob ich das als Nachlässigkeit mir gegenüber hätte ansehen sollen oder schon wieder als Ausdruck eines sich ja auch mal verfehlen dürfenden Vertrauensverhältnisses.

Anfangs erklärte ich mir das damit, dass die eine, als Chefin, fast auf natürliche Weise Gegenkräfte aufrief bei der mit der Zeit zu ihr Aufgerückten, die das Geschäft ebenso beherrschte … stattdessen aber, dann auch mal allzu bestimmt, Weisungen empfing, mit denen sie die Nachgeordnete blieb. Und sowieso treten mit der Zeit unter Vertrauten ja auch die Eigenheiten und all die kleinen Unleidlichkeiten gegeneinander immer deutlicher hervor. Was mich, zugegebenermaßen unoriginell, an ein Kanji, ein chinesisches Bildschriftzeichen denken lässt, nämlich das für Ärger: zwei Frauen unter einem Dach.

Dann brachte ein mitgehörtes Telefongespräch heraus – darin etliche Namen fielen und der um Beistand Angerufene immer wieder gedrängt war, seine Zeugenschaft für bereits von anderer Seite ihm gegenüber gefallene Äußerungen zu bestätigen -, dass die Frauen also noch anderswie in einem Naheverhältnis zueinander standen, einem, in dem es zumindest hin und wieder private Anlässe der Begegnung gab. Und also auch Emotionales? Verstimmungen, Unausgesprochenheiten, Schwesternambivalenzen? Rivalität? Ich erinnere mich, dass sich für die nächsten Male meine Begehrlichkeit nach weiteren Hinweisen über dieses Verhältnis noch verstärkte – zur Not auch nach solchen der Brüchigkeit zwischen den mich bislang Prädominierenden, ihrer Schwächung. Der Wunsch nach Delikatheit schließt den nach Grausamkeit nicht aus.

Und nahm ich ihnen die über mich gewonnene Oberhand schon übel? Ein Mehr an Wissen zu den Hintergründen des Frontverlaufs hätte mir mögliche Ansatzpunkte für mein eigenes Vorrücken liefern können. Aber natürlich bleiben solche Ideen dann doch sporadisch, und wegen den sich abzeichnenden Umwälzungen in der Firma (und der Aussicht auf Natascha, die, kaum schwanger, von ihrem Freund verlassen worden war und mir Bedarf an Trost signalisierte) liefen auch bei mir die Dinge nicht mehr rund.

Beim nächsten Mal hatte das späte Mädchen mir wie immer den Umhang mit dem Klettband übergestreift, war hinter mich getreten und hatte mir ihre Hände auf die Schultern gelegt, als wollte sie mich stärken, nun auch noch das Kommende zu ertragen. Jedenfalls hatten sie und ich uns über ein paar mir lang erschienene Momente im Spiegel angesehen und uns anscheinend beide vergeblich etwas vorzustellen versucht, das über das Nächstliegende hinausging. Denn sie wusste genau, wie ich meine Haare geschnitten haben wollte. Ich aber hätte ihr das, die Frisur als Repräsentation eines flüchtigen Selbsts, gerade nicht noch einmal beschreiben können, und so wurde das, dieses Fallenlassen aller vorherigen Vertrautheit miteinander, auf eine mir bis heute nicht ganz klare Weise zu einer Sache wie von wieder allererster Verlegenheit. Und danach wurde alles anders.

Langes Haar signalisiert Offenheit und eine sinnliche Persönlichkeit hatte unter dem letzten der im Salon ausgehangenen, wohl von irgendeinem dienstleistenden Friseurbedarf periodisch ausgewechselten Plakate gestanden, das für eine neue Art von Echthaarverlängerungen warb. Und ich hatte das im ersten Lesen gar nicht verstanden: Echthaar … es aber zukaufen? Und wem abgeschnitten? Und wie einverleibt? Aber im Zweifelsfall sind wir ja alle noch Kannibalen.

Das Foto hatte eine Nackte in Rückenansicht gezeigt, der der Schopf bis auf den Hintern reichte. Mit beiden Händen hatte sie die neue, sich auffächernde Fülle an Haaren derart in die Höhe gehalten, dass es an eine dieser indischen Liebesgöttinnen mit ihren gewalttätig vielen, schlangengleichen Armen erinnerte. Kali? Oder Durga, die die Köpfe vertauscht? Ich kenne mich damit nicht wirklich aus.

Ich aber hatte, bei all der ausgekämmten Pracht und dem Glanz schimmernder Proteinstrukturen, die ganze Zeit auf die tiefer gelegenen Rundungen schauen müssen, auf den sich fast nur in einer leichten Dunkelfärbung andeutenden Flaum in dem beginnenden Spalt ihrer Hinterbacken. Wie verhielt sich das eine Über-Intime, die Pofalte zur Pro-These – beides doch Surrogate des zu assimilierenden Fremden? Das Dunkle zeugte kurz den lichten Moment … und dann doch nicht. Nur schien mir noch aufzugehen, wie solche aufrüstenden Verlängerungen, wie diese dauernden Ausreizungen und Überbietungen einen in einem Bereich auch von Aufschub und Vorlust halten. Ist frisieren nicht genug? Doch kam ich nicht dazu, das weiter zu ergründen. In den Salon Dietlind ging ich nie mehr.

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