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Was den Salon Dietlind anging, geschah die Veränderung indem ich erst einmal und dann immer öfter nicht mehr umhin konnte, die Spannungen unter den beiden Frauen dort zu bemerken. Das ging so weit, dass ich mich eines Tages während eines verstörenden, so rasch seine Erregung nicht zu dämpfen wissenden Wortwechsels zwischen ihnen, mit einer Illustrierten in dem vom Tageslicht weniger erreichten Hintergrund der Stube zurückzuziehen versuchte – aber natürlich trotzdem alles mitbekam. So dass es mich, obwohl an sich banal, trotzdem als Kunde verunsicherte, nämlich ob ich das als Nachlässigkeit mir gegenüber hätte ansehen sollen oder schon wieder als Ausdruck eines sich ja auch mal verfehlen dürfenden Vertrauensverhältnisses.

Anfangs erklärte ich mir das damit, dass die eine, als Chefin, fast auf natürliche Weise Gegenkräfte aufrief bei der mit der Zeit zu ihr Aufgerückten, die das Geschäft ebenso beherrschte … stattdessen aber, dann auch mal allzu bestimmt, Weisungen empfing, mit denen sie die Nachgeordnete blieb. Und sowieso treten mit der Zeit unter Vertrauten ja auch die Eigenheiten und all die kleinen Unleidlichkeiten gegeneinander immer deutlicher hervor. Was mich, zugegebenermaßen unoriginell, an ein Kanji, ein chinesisches Bildschriftzeichen denken lässt, nämlich das für Ärger: zwei Frauen unter einem Dach.

Dann brachte ein mitgehörtes Telefongespräch heraus – darin etliche Namen fielen und der um Beistand Angerufene immer wieder gedrängt war, seine Zeugenschaft für bereits von anderer Seite ihm gegenüber gefallene Äußerungen zu bestätigen -, dass die Frauen also noch anderswie in einem Naheverhältnis zueinander standen, einem, in dem es zumindest hin und wieder private Anlässe der Begegnung gab. Und also auch Emotionales? Verstimmungen, Unausgesprochenheiten, Schwesternambivalenzen? Rivalität? Ich erinnere mich, dass sich für die nächsten Male meine Begehrlichkeit nach weiteren Hinweisen über dieses Verhältnis noch verstärkte – zur Not auch nach solchen der Brüchigkeit zwischen den mich bislang Prädominierenden, ihrer Schwächung. Der Wunsch nach Delikatheit schließt den nach Grausamkeit nicht aus.

Und nahm ich ihnen die über mich gewonnene Oberhand schon übel? Ein Mehr an Wissen zu den Hintergründen des Frontverlaufs hätte mir mögliche Ansatzpunkte für mein eigenes Vorrücken liefern können. Aber natürlich bleiben solche Ideen dann doch sporadisch, und wegen den sich abzeichnenden Umwälzungen in der Firma (und der Aussicht auf Natascha, die, kaum schwanger, von ihrem Freund verlassen worden war und mir Bedarf an Trost signalisierte) liefen auch bei mir die Dinge nicht mehr rund.

Beim nächsten Mal hatte das späte Mädchen mir wie immer den Umhang mit dem Klettband übergestreift, war hinter mich getreten und hatte mir ihre Hände auf die Schultern gelegt, als wollte sie mich stärken, nun auch noch das Kommende zu ertragen. Jedenfalls hatten sie und ich uns über ein paar mir lang erschienene Momente im Spiegel angesehen und uns anscheinend beide vergeblich etwas vorzustellen versucht, das über das Nächstliegende hinausging. Denn sie wusste genau, wie ich meine Haare geschnitten haben wollte. Ich aber hätte ihr das, die Frisur als Repräsentation eines flüchtigen Selbsts, gerade nicht noch einmal beschreiben können, und so wurde das, dieses Fallenlassen aller vorherigen Vertrautheit miteinander, auf eine mir bis heute nicht ganz klare Weise zu einer Sache wie von wieder allererster Verlegenheit. Und danach wurde alles anders.

Langes Haar signalisiert Offenheit und eine sinnliche Persönlichkeit hatte unter dem letzten der im Salon ausgehangenen, wohl von irgendeinem dienstleistenden Friseurbedarf periodisch ausgewechselten Plakate gestanden, das für eine neue Art von Echthaarverlängerungen warb. Und ich hatte das im ersten Lesen gar nicht verstanden: Echthaar … es aber zukaufen? Und wem abgeschnitten? Und wie einverleibt? Aber im Zweifelsfall sind wir ja alle noch Kannibalen.

Das Foto hatte eine Nackte in Rückenansicht gezeigt, der der Schopf bis auf den Hintern reichte. Mit beiden Händen hatte sie die neue, sich auffächernde Fülle an Haaren derart in die Höhe gehalten, dass es an eine dieser indischen Liebesgöttinnen mit ihren gewalttätig vielen, schlangengleichen Armen erinnerte. Kali? Oder Durga, die die Köpfe vertauscht? Ich kenne mich damit nicht wirklich aus.

Ich aber hatte, bei all der ausgekämmten Pracht und dem Glanz schimmernder Proteinstrukturen, die ganze Zeit auf die tiefer gelegenen Rundungen schauen müssen, auf den sich fast nur in einer leichten Dunkelfärbung andeutenden Flaum in dem beginnenden Spalt ihrer Hinterbacken. Wie verhielt sich das eine Über-Intime, die Pofalte zur Pro-These – beides doch Surrogate des zu assimilierenden Fremden? Das Dunkle zeugte kurz den lichten Moment … und dann doch nicht. Nur schien mir noch aufzugehen, wie solche aufrüstenden Verlängerungen, wie diese dauernden Ausreizungen und Überbietungen einen in einem Bereich auch von Aufschub und Vorlust halten. Ist frisieren nicht genug? Doch kam ich nicht dazu, das weiter zu ergründen. In den Salon Dietlind ging ich nie mehr.

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