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Sonst zu glauben gewohnt, dass ich nicht so leicht zu typisieren bin – was in meinem Fall weniger Eitelkeit ist als das, was mir oft genug signalisiert wird (und was ich als Erklärung auch für meine Schwierigkeit mit den von mir favorisierten Frauentypen annehmen muss) -, war das bei meinem zeitweisen Stammfriseur dann trotzdem eine gern erlebte Wechselerfahrung: Nicht ganz gleichgültig gelassen von einer angeschaut zu sein, die mir dahinter kam, und von einer anderen gleichsam auf meine noch zu verbessernden Wirkweisen hin taxiert zu werden – derart in beiden Perspektiven ausgehalten zu sein in einem gewissen Versprechen.

So konnte ich mich im Salon Dietlind gleichermaßen anerkannt wie abstrahiert fühlen, auf meine Aussichten hin verlängert wie schon ungefähr angenommen für das, was ich war. Und das alles in einem Raum weiblichen Wohlwollens und durchaus zarter Befürsorgung. Heimlich gefiel ich mir wohl weit vor der Abschlussbespieglung, schon in der Anfahrt dorthin als Günstling. Alle sahen wir einander – und verziehen. Tatsächlich stellte ich noch jetzt für mich selbst überraschend fest: Ich ging ganz gern dahin.

Wobei ich im Nachhinein sagen würde, dass mir von den beiden Frauen das späte Mädchen fast ein bisschen lieber war, weil sie es mir erlaubte, unsere Sache mehr in der Schwebe zu belassen, während ich mich von der tüchtigen Madame du Salon manchmal um einen Tick schon zu sehr erobert, zu sehr versachlicht fühlte. Doch wurde mir derart dann auch wieder klar, dass ich mich, der ja nur kam, um sich die Haare in einem Genüge tuenden Regelmaß stutzen zu lassen, nach und nach in einen Kunden mit Wünschen verwandelt hatte. Eine Art Doppelbindung komplexer Dienstleistung schien hier verfangen zu haben. Und sie wirkte auch in die andere Richtung: Ich, der ich von mir selber zu denken gewohnt bin, dass ich eher leicht zufrieden zu stellen sei, wurde also ein bisschen wählerisch!

Eine Zeit lang, und das uneingestanden, genoss ich sie also wohl, diese denkbar verhaltene Zweideutigkeit, dieses Durchschautsein sowohl als Bedürftiger wie als Kunde – das aber wie bei guten Freundinnen. Mit ihm zugefallener, wenn auch minderer Macht, unter besorgenden, in ihrer Verdopplung nun ihrerseits promisk erscheinenden Müttern, handelte es sich zwar um eine erkaufte Zuwendung, doch war sie in einem sonst oft nicht viel versprechenden Alltag auch weltversöhnend.

Tatsächlich meinte ich bald, dass es, bezeigt ja auch durch mein Wiederkommen, eine gewisse Sympathie unter- und damit einhergehend auch gelösteren Umgang miteinander gab. In anderen Belangen auch mal anmaßend und heikel, war ich hier rasch zu bedienen, zeigte ich mich pflegeleicht, wissenden Blicks mit der einen, die andere öfter mit schnellen Scherzen zum Lachen bringend, die mir leicht von den Lippen kamen. Ja, da blitzte es mich auch schon mal aus vergnügten Augen an. Oder meine zunehmend frei laufende Seinsüberhobenheit wollte mir das eben so erscheinen lassen.

Doch kam das zum Teil auch daher, dass ich fast immer der einzige Kunde im Laden war, und die gedimmte, relative Stille gegen die Lautheit hinter dem Schaufenster mir eine eigene Art von Vertrautheit einflüsterte. Auch wenn eine weitergehende Versuchung natürlich nie aufkam. Obwohl alle Körper einander ergänzbar und durch physische Nähe und vagabundierende Spürsinne da auch immer in der ihnen eigenen Art von Nahelegungen sind. Oder einem da allzu anfälligen Männerhirn das eben so vorkommt.

Außerdem weiß ich, wie das immer schon Verheimlichte mich umgekehrt manchmal verführbar macht hin zu jeglichem Reden, zumal in der erlaubend einen umso selbstvergessener machenden Umgebung. Und plötzlich bedürfen einmal unüberlegt gemachte Äußerungen der näheren Erläuterung, etwas wird in Gang gesetzt, wird unaufhaltsam, und es ist fast, als wollte es sich mit einer noch geheimeren Lust am Fatalen geradezu mutwillig um Kopf und Kragen reden.

Und da kommt mir auch schon die Anfangssequenz eines anderen Films vor Augen, darin in einem mafiosen Barbiergeschäft der den Frisierumhang anlegende Ladenjunge dem Kunden – ohne Vorwarnung auch für den Zuschauer – ein großes Rasiermesser derart über die Kehle zieht, dass das Entsetzen über den herausschießenden Blutstrahl einem das Grundvertrauen in einen Friseurladen für alle Zeit erschüttern kann.

Entspanntheit unter Menschen ist für mich nicht per se selbstverständlich, und sie ist, zumal unter solchen mit Messern, vielleicht sogar so etwas wie eine Anstrengung, eine Eigenleistung? Und doch, wie hätte ich, ausgerechnet unter Ersatzmüttern, unter der Illusionskünstlerschaft ihrer hypoallergenen Scherfolien und Schwenkköpfe, mein Zutrauen aufgeben sollen, mich um das Bessere, nämlich meine falschen Einbildungen bringen, um Glaube, Hoffnung, Zuversicht? Kann sein, es wussten diese Frauen dann bald mehr über mich als mir vielleicht lieb gewesen wäre. Erzähls doch deinem Friseur! Montag Ruhetag. Aber das stimmte dann ja bald auch nicht mehr. Die immer anspruchsvollere Kundschaft! Der Konkurrenzdruck! Die 24-Stunden-Gesellschaft!

Miriam, die abgelegte Freundin einer Freundin, die mich meinerseits abgelegt hatte, hatte mir einmal im Hinterraum ihres winzigen Ladens, in einem Moment von Herausforderung und Selbstpreisgabe gestanden, dass sie irgendwelches Billig-Shampoo in die Flaschen mit den Markennamen umfüllte, um damit ein paar Euro nebenbei zu machen.

In ihrer Kleine-Leute-Gegend, in einem Winkel des überdachten Parkraums neben einem gleichfalls lieblos geführten Supermarkt, lebte sie mehr schlecht als recht von einem großen Bekanntenkreis (und ein paar Bekanntschaften). Und ansonsten von Stammkundinnen, meist älteren Frauen aus der Nachbarschaft, die niemandem mehr zum Reden hatten, aber deswegen ihre Bedürfnisse nicht einfach aufgaben. Miriam verachtete längst ihr Metier – mich aber, dort meinen dünnen Bürolüften entronnen, machte etwas daran plötzlich neugierig.

Wahrscheinlich hatte vor allem ihre Bloßstellung auf mich Eindruck gemacht, so eine gewisse Dringlichkeit in der Stimme der sonst so Sanftgesichtigen. (An die mich heute manchmal das Gesicht einer bestimmten Fernsehkommissarin erinnert, deren Schauspiel ich nicht ernst nehmen kann.)

Jedenfalls wurde ich so, während der oft unausgefüllten Zeit zwischen meinen Bewerbungen, in einer schäbigen Komplizenschaft für ein paar Wochen ganz gern eintauchend in diese schlüpfrige Welt der Kurpfuscherei und Witwenkolonisierung, je nachdem, zum wartenden Kunden hinter einer Zeitung, zum petit Seigneur, der auch mal in den Mantel half, zum Hausfreund in spe, der die Kaffee- und Komplimentemaschine bediente. Doch betrieb ich es nicht ernsthaft genug, und es ergab sich auch nichts daraus – denn so weit gehen, wie Miriam mir nahe legte, wollte ich nicht.

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