1_2

Später an diesem Nachmittag, zu Hause, lässt mich etwas daran nicht los. Und richtig, ich habe noch die Fotos, die Natascha damals von unserem letzten Kollegentreffen gemacht und uns dann allen per Mail-Anhang geschickt hatte: Ich war an eben dem Tag zum Haarschneiden gewesen und es hatte da auch zwischen den zwei Frauen im Salon Dietlind etwas nicht mehr gestimmt.

Der Grund zu unserer Versammlung war die Nachricht gewesen, dass unsere Abteilung aufgelöst beziehungsweise ins Süddeutsche verlegt würde. Zwar hatte ich mich zu den Übernahmekandidaten zählen können, aber das mit der Aussicht, wieder ins Controlling zu wechseln. Gwenn, eine der Frauen mit Kindern, hatte geweint, weil sie unter Opfern erst vor einem knappen Jahr den Ort und ihre Lebensumstände komplett gewechselt hatte. Die Mayerhofer hatte die ganze Zeit die Augen aufgerissen gehalten und immer wieder jeden einzeln und wortlos angestarrt, als erwartete sie von einem noch Hinweise auf eine andere Deutung der Nachricht, an der nichts missverständlich war. Die Stimmung war überhaupt ein bisschen fassungslos gewesen – aber auch aufgekratzt.

Am Tisch sitze ich neben Ingrid, die eine neonblaue Perücke trägt – ich hatte immer gefunden, dass sie ihr, einer ausgebildeten Opernsängerin (sie sang auch ab und an kleine Rollen in den Opernbühnen Barmen), richtig gut stand. Und auf der anderen Seite sitzt Vasconsuela, die mit dem gewollten Eindruck von Unfrisiertheit aussieht wie eine dieser Witwen auf Madagaskar, die nach dem Tod ihrer Männer ein Jahr lang ihr Haar nicht bändigen dürfen, um auf diese Weise voreilige neue Bewerber zu vergraulen.

Aber der Gesichter des Schreckens sind viele.

Eines Morgens die Frau im geblümten Satinüberwurf, die in dem Löwenzahnfeld vor ihrem Haus den Hund ausführt und mit ihrer Ungekämmtheit dem zur Arbeit Eilenden eine irgendwie bacchantische Intimbereitschaft suggeriert, dass er sich noch Tage später davon behext fühlt.

Ein andermal die junge schwarze Hure in Casablanca mit geschorenem Kopf, eine Senegalesin, die plötzlich, zum Hinauswurf von zwei finsteren Kaftanmännern in die Mitte genommen, gegen alle Männer zu zetern beginnt und damit die eben noch provozierte Verführungsbereitschaft auch in mir verdammt – bis heute doppelt fremd berührt mich ihre schön gefundene und erst verspätet kapierte Schändung.

Oder die Zöpfe von Adelheid, einer nie vergessenen, privatmythologisch ungemein wirksam gebliebenen Figur, die mich seit der Grundschule mit ihrem Bild in weißen Kniestrümpfen und einer gebügelten Spielschürze mit Kirschen drauf verfolgt – als wäre ich bis heute mit ihr verflochten. Uns Jungen gegen unsere eigene, ungeordnete Natur immer wieder als Ideal von Fleiß und Sauberkeit vorgehalten, blieben wir solchen Anstandsmädel gegenüber ewig im Nachteil, lernten so zu verachten wie auch zwiespältiger zu begehren: zu verunsichern. Schon den Chinesen galten Zöpfe, Ausdruck von Unterwürfigkeit, auch als einer von Zivilität. (Und bereits die Venus von Brassempouy, eine Figur aus Mammutstoßzahn und die bislang älteste – von etwa 25.000 Jahre vor Christus – bekannte Darstellung eines menschlichen Gesichts, hat eine als Flechtung interpretierte Frisur. Wenn es nicht doch eher ein Haarnetz ist.)

So ist das schließlich, diese zufällige Reminiszenz der Fotos mit den drei haarauffälligen Kollegen – oder also den zwei Extravaganzen und einem Schwiegersohntypen frisch vom Friseur -, eine ironische Subnote zu diesem Tag geworden, der mir diese Zeit damals pointiert zusammenfasst, die in dem eh ungeliebten Job, wie die in dieser Gegend und damit auch im Salon Dietlind.

.

.

.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s