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Und er bemerkt nie, dass Sie beim Friseur waren?
Tragen Sie denn auch das Blond, das er sich wünscht?

Mit noch genug Zeit für einen Umweg und eine kurze Streunerei durch ein Stück Park in einem Stadtviertel, in dessen Nähe ich früher mal gearbeitet hatte, kam ich an einer Ecke heraus, die mich an etwas erinnerte.

Richtig, da war der Salon Dietlind, ein Friseurgeschäft, in dem ich mich mal für länger als eine Saison gut bedient gefühlt hatte. Und das weniger wegen dem seinerzeit bei mir eigentlich schon nicht mehr zu rechtfertigenden Aufwand, als wegen der Atmosphäre da und den zwei Frauen, die den Salon führten.

Und wirklich war das, in einem dieser über seiner Alteingesessenheit längst angestaubt wirkenden Geschäfte in einer auch noch eher randläufigen Gegend, ein wenig auch gewesen wie in dem dann wunderbaren – wie bei mir üblich erst mit Verspätung gesehenen – Film von Patrice Leconte, Der Mann der Friseuse. Mit altmodischen Zuvorkommenheiten, mit den Umschmeichlungen von Wohlgerüchen und wissenden Händen, mit dem Aufgehobensein in einem Gunstraum wie ganz aus den Wärmeschatten weiblicher Körper. Ein Schaumfestiger fürs Leben! Und die leicht melancholische Atmosphäre gab es auch, nämlich in der Späte des Nachmittags, wenn ich für diese monatliche Besorgung die Mittagspause nach hinten verlegt und die gewisse matte Abgeschiedenheit vor dem sich langsam verlierenden Verkehr draußen einen leicht anders getönten Abend vorweggenommen hatte.

Dazu war es dort drinnen immer ein bisschen eng. Eine um Schaueffekte kaum zu erweiternde Stube war dieser Salon, ein größeres Wohnzimmer, das in einem Mietshaus anscheinend mit dem Herausschlagen eines Stücks der Vorderwand zum Gewerberaum umgemauert und verglast worden war. Nur wenige Male war ich wegen einer Verzögerung zum Warten gezwungen gewesen und hatte dann, fast im Dunkeln sitzend, verstanden, wieso die Termine dort möglichst eingehalten wurden, und warum jedes zweite Mal von den beiden Frauen nur eine anwesend war: Es walteten da immer noch andere haushälterisch einzusetzende Kräfte.

Renée trägt heute die Nuance Couleur Experte 9.1 Vanille Praliné
– ganz ohne Ansatz
– ganz ohne Ammoniak
– ganz einfach.

Ich sehe sonst nicht viel Grund, sich mit Klagen über immer rascher wechselnde – und oft ja wirklich nur blöde – Neuerungen im Leben aufzuhalten, aber diese Art von intimen Salons konnte sich wohl schon immer eher nur mit Disziplin und in engen geschäftlichen Grenzen halten, und waren deswegen gewissermaßen im Verschwinden seit je.

Bedient wurde ich entweder von der einen, einer größeren, gerade in zartem Ergrauen begriffenen Frau, in deren freundlichen, leicht ironischen Blick auf mich – der kennerhaft nicht nur meinen Haaren zu gelten schien, sondern der Rückversicherung eines durch ein gewisses Quantum an Erfahrungen klug gewordenen Wissens über Männer überhaupt – ich mich manchmal durchschaut gefühlt hatte. Was mir aber nicht unangenehm gewesen war.

Oder von der Chefin, einer untersetzten Frau, die extrovertierter und insgesamt lebhafter war und fürs Gelingen einer sauberen Schnittkante auch schon mal meinen Kopf umstandslos an ihren voluminösen Busen nahm, damit eine handwerklich-keusche Mütterlichkeit ausdrückend, die im verhandelnden Gegenüber dann wieder verschwand. Anfangs versuchte sie noch, mir Pflegeserien mit speziellen Proteinen und Energie spendenden Elementen zu verkaufen. Tiefenregulierung sei das Geheimnis, Aktivstoffe und Mikro-Hydratoren für erhöhte Zellaktivität! Ah, tosende Zirkulationen unseres Bluts! Aber da drang sie bei mir nicht durch, ich wusste, es war schon zu spät. Nachdem ich, insgesamt ungeschickt und damit eher unwillig gegenüber den meisten Moden, zumindest die Haarlängen die Dekaden hindurch alle brav mitgemacht hatte, war ich, was das Darüberhinaus anbelangte, zum Konservativen geworden und (fast) resistent gegen solches Abrakadabra.

Schön blöd, wer nicht blond ist!
Und wer sagt denn, so ein Poly-Blond gibt’s nur im Sommer?
70 % aller Männer sagen, ihre Traumfrau sei blond!
Wie viel Blond steckt in dir?

Immerhin kam ich durch ihre Empfehlung an eine alkoholhaltige Tinktur, die nach dem Einmassieren in die Kopfhaut sich dort noch lange als ein angenehmes Brennen hält (und damit angeblich auch die Haarwurzeln anregt). Und die mich eigentlich noch jedes Mal an diese Madame erinnern müsste, wenn ich sie, diese Tinktur – heute auch nur noch selten benutzt -, unter den anderen Reliquien der Sorge um mich in einem mal wieder von all den angesammelten Proben auszuräumenden Regal meines Badezimmers entdecke. Tatsächlich aber bin ich als Adept der Kosmetikindustrie unüberzeugt geblieben: Mir fehlt, wie ich es einmal in einer Annonce der Innungsprosa ausgedrückt gefunden hatte (oder ist es Poesie?), die Fülle schon im Ansatzvolumen. Was ich relativ früh, und darüber nicht mal lange zerknirscht, also begriffen habe, ist: Meine ehemalige Haarpracht, sie kehrt nicht zurück.

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